Deutschland soll in nicht einmal 20 Jahren klimaneutral sein. Die Stadt Ingelheim will dieses Ziel bereits fünf Jahre früher erreichen. Das heißt: Bis 2040 sollen Öl- und Erdgasheizungen durch klimafreundliche Alternativen abgelöst sein. Ende Januar hat die Stadt Ingelheim die ersten Planungen in einer Informationsveranstaltung vorgestellt. Das Interesse war groß. Welche Umstellungen auf die Bürger*innen sowie die Energieversorgung der Stadt zukommen, darüber sprechen Martin Wunderlich, Geschäftsführer der Rheinhessischen, und Joachim Klein, Geschäftsbereichsleiter für Energiedienstleistungen, im Interview.
Herr Wunderlich, die Stadt hat als erstes Ergebnis der kommunalen Wärmeplanung vier Gebiete in Ingelheim identifiziert, in denen Wärmenetze umgesetzt werden könnten.
Baut die Rheinhessische jetzt diese dezentrale Wärmeversorgung und alles ist gut?
Martin Wunderlich: Ganz so einfach ist es nicht. Hier folgt noch ein langer Prozess inklusive konkreter Machbarkeitsstudien. Die Frage ist ja: Wo kommt die Wärme her? Ist die Flusswärmepumpe, von der im Moment die Rede ist, auch umsetzbar? Bei den Wärmenetzen selbst geht es im Weiteren darum, möglichst viele Gebäude oder Wohnungen auf möglichst kurzer Leitungsstrecke anzuschließen, damit alles noch rentabel bleibt.
Es ist also noch nicht klar, dass Wärmenetze kommen?
Joachim Klein: Zuletzt konnten Bürgerinnen und Bürger, Privatleute und Gewerbe noch Stellungnahmen zur kommunalen Wärmeplanung Ingelheim äußern. Die Gremien der Stadt werden sich wohl auch noch mal damit beschäftigen. Mitte des Jahres soll dieser Prozess abgeschlossen sein. Anschließend will die Stadt die weiterführende Vorprüfung der Machbarkeitsstudie veranlassen.
„Eine dezentrale Wärmeversorgung
mit Wärmenetzen ist vor allem dann sinnvoll,
wenn sie sich auch finanziell lohnt.“
Martin Wunderlich, Geschäftsführer der Rheinhessischen
Wann sind Wärmenetze eine gute Lösung?
Martin Wunderlich: Eine dezentrale Wärmeversorgung mit Wärmenetzen ist vor allem dann sinnvoll, wenn sie sich auch finanziell lohnt. Deshalb gilt es zu prüfen, wie die Wärme erzeugt werden kann und wohin man sie liefert, wie viele Anschlussnehmer es geben könnte. Erst dann stellt sich heraus, ob sich die Investition überhaupt wirtschaftlich realisieren lässt.
Kommunale Wärmeplanung auf einen Blick.
Was ist die kommunale Wärmeplanung?
Kommunale Wärmeplanung ist quasi der Fahrplan einer Stadt, wie Häuser und Betriebe künftig klimafreundlich und bezahlbar beheizt werden sollen. Die Kommune prüft nach dem Wärmeplanungsgesetz: Wo lohnt sich ein Wärmenetz, wo eher einzelne Lösungen wie Wärmepumpen?
Warum passiert das?
Deutschland will seine Wärmeversorgung bis 2045 weitgehend klimaneutral machen. Die Wärmepläne sollen Chaos im Heizungskeller verhindern und Investitionen sinnvoll lenken.
Was heißt das für Bürger*innen?
Eigentümer*innen bekommen Orientierung: Steht ein Wärmenetz an, könnte sich ein Anschluss lohnen – sonst eher eine eigene Heizung mit erneuerbaren Energien. So sinkt das Risiko von Fehlentscheidungen und wer umbaut, kann besser planen. Bürger*innen können die Planung mit Anregungen begleiten.
Die Stadt Ingelheim erläutert den Prozess auf ihrer Internetseite: https://www.ingelheim.de/wohnen-umwelt/waermewende/kommunale-waermeplanung/#accordion-1-0
Den Abschlussbericht des Energie- und Infrastrukturplanungsbüros greenventory finden Sie hier: https://waermeplaene.de/ingelheimamrhein/
Wo liegen die Herausforderungen für Wärmenetze in Ingelheim?
Martin Wunderlich: Echte Innenstadtstrukturen sind in Ingelheim nur schwer zu greifen. Viele Wohnungen auf engem Raum haben wir zwar im Stadtkern. Der ist in den vergangenen 20 Jahren entstanden und dort existiert bereits eine Wärmeversorgung über Blockheizkraftwerke. Das sind aber lokale Lösungen. Sonst gibt es etliche Einfamilienhäuser, die liegen aber weit auseinander. Das heißt: viele Meter Leitung, wenig Abnahmepunkte. Und die Kosten für die Infrastruktur müssen ja irgendwie auf die Nutzer*innen aufgeteilt werden.
Welche Rolle spielt denn die Rheinhessische bei der kommunalen Wärmeplanung?
Joachim Klein: Laut Gesetz ist die kommunale Wärmeplanung eine Aufgabe der Stadt. Die hat aber beim Startschuss vor drei Jahren ihre Tochterunternehmen – die Wohnungsbaugesellschaft Ingelheim am Rhein GmbH (WBI) – geholt. Die Rheinhessische hat in dem Prozess unterstützt und beispielsweise relevante Daten geliefert.
Was machen eigentlich Hausbesitzerinnen und Hauseigentümer, die nicht an ein Wärmenetz angeschlossen werden können?
Martin Wunderlich: In den meisten Fällen wird wohl eine Wärmepumpe die Lösung sein. Hochrechnungen haben ergeben, dass diese Heizform unterm Strich am günstigsten sein wird.
„Wir prüfen im Moment Möglichkeiten,
Hauseigentümerinnen und Hausbesitzern
Wärmepumpen von verschiedenen Herstellern zu
günstigen Konditionen anbieten zu können.“
Joachim Klein, Geschäftsbereichsleiter für Energiedienstleistungen
Was hat die Rheinhessische mit Wärmepumpen zu tun?
Joachim Klein: In erster Linie liefern wir natürlich den Strom dafür. Im Moment optimieren wir gerade unsere Stromnetze, damit sie gut gerüstet sind, wenn viele unserer Kundinnen und Kunden auf Photovoltaik, Wallboxen für die Elektroautos und natürlich Wärmepumpen umstellen. Der Einbau im Keller ist in der Regel Sache eines Installateurs. Aber wir prüfen im Moment Möglichkeiten, den Hauseigentümerinnen und Hausbesitzern durch Rahmenverträge über unseren Gesellschafter Thüga Wärmepumpen von verschiedenen Herstellern zu günstigen Konditionen anbieten zu können.
Wie steht es um die Zukunft von Erdgas?
Martin Wunderlich: Hier haben wir aktuell zwei Aufträge des Gesetzgebers: zum einen, alle Kundinnen und Kunden am Netz mit Erdgas zu beliefern. Und zweitens die Einstellung der Gasversorgung und den Rückbau der Netze ab dem 31. Dezember 2044.
Also ist die Versorgung mit Erdgas bis dahin sicher?
Martin Wunderlich: Die Versorgung ja. Die Frage ist nur: zu welchen Bedingungen? Zum einen gibt es den CO2-Preis, der in den kommenden Jahren weitersteigen wird. Auf der anderen Seite nimmt mit jeder Eigentümerin und jedem Eigentümer einer Wärmepumpe und jedem neuen Anschlusspunkt eines Wärmenetzes die Zahl der Erdgas-Kundinnen und -Kunden ab. Die Kosten für das Netz bleiben jedoch bestehen. Sie verteilen sich dann nur auf weniger Köpfe. Und die Rechnung ist einfach – gleiche Kosten bei weniger Zahlenden heißt: steigende Preise.
Betreibt die Rheinhessische nicht auch Blockheizkraftwerke mit Erdgas? Was ist damit?
Joachim Klein: Hier arbeiten wir gerade an einem Transformationsprozess. Auf Dauer werden wir unsere bestehenden Wärmenetze zur Strom- und Wärmeerzeugung ebenfalls umstellen müssen – weg von fossilen Brennstoffen. Damit wir aber in Großwärmepumpen oder Biomassekessel investieren können, benötigen wir Kapital. Wenn das nicht über höhere Preise von Kundinnen und Kunden kommen soll – was ja keiner will – benötigen wir alternative Finanzierungmöglichkeiten.
„Die Menschen in Ingelheim sollen direkt von
ihrer eigenen Energieversorgung profitieren. Noch in diesem Jahr wird die Rheinhessische sogenannte Genussrechte ausgeben.“
Martin Wunderlich, Geschäftsführer der Rheinhessischen
Woher soll das Geld für die Investitionen kommen?
Martin Wunderlich: Natürlich haben wir als Rheinhessische und die Stadt als unsere größte Anteilseignerin besonderes Interesse daran, für die Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der Daseinsvorsorge eine sichere und bezahlbare Energieversorgung zur Verfügung zu stellen. Zudem sollen die Menschen in Ingelheim die Möglichkeit erhalten, auch direkt von ihrer eigenen Energieversorgung zu profitieren. Um unser Eigenkapital zu stärken, wollen wir Genussrechte ausgeben. Sobald das spruchreif ist, geben wir die Details bekannt.
Nochmal zurück zu den Wärmepumpen. Viele Menschen sind verunsichert, ob diese Heizart in ihrem Haus überhaupt funktioniert. Wo bekommen sie Hilfe?
Joachim Klein: Die Rheinhessische bietet Energieberatung an und kann bei Fragen zum Heizungstausch Hilfestellungen geben. Wärmepumpen funktionieren inzwischen auch im Bestand recht gut. Im Prinzip gilt: Immer erst das Gebäude sanieren, also Wände dämmen oder Fenster austauschen. Nur wer den Energiebedarf des Gebäudes kennt – und möglichst verringern kann – der wird die passende Wärmepumpe finden. Das ist aber bei jedem Haus anders. Kommen Sie auf uns zu. Wir sehen uns die Gegebenheiten vor Ort gerne an.
Jetzt Termin buchen für eine Beratung bei der Rheinhessischen unter https://www.rheinhessische.de/fuer-zu-hause/energiedienstleistung.html.
Was man zu Wärmepumpen wissen muss: https://www.rheinhessische.de/blog/mit-einer-waermepumpe.html
Außerdem interessant:
https://www.rheinhessische.de/blog/effizient-heizen-lohnt-mehrfach.html
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