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Martin Wunderlich
©Thomas Schmidt
RheinhessischeEnergiekostenEnergiemarkt aktuell

Energiemarkt und Energiewende. „Wir meistern den Wandel gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden.“

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Gute Nachrichten zum neuen Jahr: Die Energiepreise sinken auf breiter Front – auch bei der Rheinhessischen. Noch vor einem Jahr war daran nicht zu denken. Kehrt jetzt mehr Ruhe in die Energiewelt zurück? Antworten auf diese und andere Fragen rund um die Energieversorgung gestern, heute und morgen geben Geschäftsführer Martin Wunderlich und Geschäftsbereichsleiterin Markt, Lisa Gehrig.

Vor einem Jahr beherrschten die Energiekrise und ihre Folgen – allen voran kräftige Preiserhöhungen bei Strom und Gas sowie drohende Versorgungsengpässe – das Geschehen. In Europa, Deutschland und der Region. In diesem Winter können Sie bessere Nachrichten verkünden, oder?

Lisa Gehrig: Zumindest hat sich der Markt in diesem Jahr so weit beruhigt, dass wir unsere Strom- und Gaspreise in fast allen Tarifen zum 1. Januar 2024 senken können. Beim Strom verringern sich die Kosten im Schnitt über alle Tarife um 13 Prozent – die Preise unterschreiten dann auch in der Grundversorgung den Deckel der Preisbremse, der bei 40 Cent je Kilowattstunde liegt. Damit schneiden wir im Vergleich zu vielen Mitbewerbern sehr gut ab. Beim Gas fällt der Rückgang mit einem durchschnittlichen Minus in allen Tarifen von 12 Prozent je Kilowattstunde etwas niedriger aus. Aber lediglich in der Grundversorgung kostet die Kilowattstunde noch etwas mehr als 12 Cent, also die Marke der 2023 noch geltenden Gaspreisbremse. Alle anderen Tarife liegen 2024 beim Gas unter diesem Deckel. Das betrifft auch die 3.000 Kundinnen und Kunden, deren Preise 2024 leicht steigen, die aber während der Energiekrise von besonders günstigen Konditionen profitierten.

Martin Wunderlich: Auch die Lage der Gasversorgung hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich entspannt. Die Speicher sind nach wie vor voll – trotz kalter Temperaturen seit Mitte November. Sofern uns kein massiver, länger andauernder Kälteeinbruch bevorsteht und die verbleibenden russischen Gaslieferungen nach Südosteuropa weiterströmen, bewertet die Bundesnetzagentur die Situation für diesen Winter als stabil. Aber aufgrund dieser Restrisiken bleibt Energiesparen für die Versorgungssicherheit weiterhin wichtig. Und natürlich, weil die Energiekosten zwar aktuell sinken, aber immer noch auf einem deutlich höheren Niveau liegen als vor der Energiekrise.

Wenn ich also ab 2024 einen Sondervertrag Strom oder Gas bei Ihnen wähle, muss ich mir um das vorzeitige Ende der Preisbremse im Grunde keine Sorgen machen …

Martin Wunderlich: Richtig. Bis auf die Grundversorgung und einzelne Gas-Sonderverträge mit Preisgarantie aus dem Frühjahr 2023 liegen ab 2024 alle Angebote unter den Preisbremsen. Deshalb empfehlen wir unseren Kundinnen und Kunden, beim Strom und beim Gas in unsere alternativen Tarife zu wechseln. Dazu raten wir bereits seit vielen Jahren – sehr erfolgreich. Von unseren Kundinnen und Kunden bezieht nur ein kleiner Teil seinen Strom und sein Gas zu den Allgemeinen Preisen der Grundversorgung. Bei Mitbewerbern sehen wir höhere Anteile. Uns ist es wichtig, fair und transparent mit unseren Kundinnen und Kunden umzugehen und nicht kurzfristige Gewinne einzustreichen. Das kommt offenbar gut an. Denn auch viele Haushalte, die aufgrund von Versorgerpleiten und vorzeitig beendeten Strom- und Gaslieferverträgen während der Energiekrise zu uns wechselten, sind geblieben.

Dann haben Sie in den zurückliegenden zwei Jahren offensichtlich einiges richtig gemacht.

Martin Wunderlich: Wir sind tatsächlich gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden gut durch die Krise gekommen – eine wirklich herausfordernde Zeit für beide Seiten. Besonders wichtig war uns, die Sorgen und die Nöte der Menschen ernst zu nehmen, zu verstehen und entsprechend zu handeln. Deshalb haben wir laufend in unserem Blog und im Newsletter über aktuelle Änderungen und die Lage informiert – das wurde sehr gut angenommen. Wir haben zudem so schnell wie möglich auf Entwicklungen reagiert. So zum Beispiel erhielt das Serviceteam Schulungen sowie zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Trotz aller politischen Wirrungen gingen unsere Jahresabrechnungen pünktlich raus und sie enthielten für die meisten eine positive Nachricht. Denn unsere Kundinnen und Kunden haben kräftig Energie gespart – mehr als im Bundesdurchschnitt. Deshalb wies die Jahresabrechnung in vielen Fällen eine Gutschrift aus.

Lisa Gehrig: Als regionaler Grundversorger tragen wir eine besondere Verantwortung – für die Menschen vor Ort, für eine sichere Energieversorgung heute und in Zukunft. Die zurückliegenden zwei Jahre waren für uns alle ein gewaltiger Kraftakt. Umso mehr freut es mich, dass wir viel positives Feedback zu unserem Handeln und Wirken erhalten. Zum Beispiel zur Kampagne „Gemeinsam Aufbäumen“, bei der wir für jede Umstellung auf digitale Post und für jeden neuen Ökostromvertrag – auch bei einem Tarifwechsel bestehender Kundinnen und Kunden über unser Kundenportal – einen Baum im Ingelheimer Stadtwald pflanzen. Dabei unterstützt uns Revierförster Florian Diehl tatkräftig, zuletzt beim gemeinsamen Waldaktionstag an der Emmerichshütte in unserem Stadtwald. Der Erfolg der Kampagne – inzwischen haben wir fast 3.000 Bäume gespendet – bestärkt uns darin, die Menschen vor Ort mit positiven Erlebnissen für eine nachhaltige Zukunft zu gewinnen.

Lisa Gehrig, Geschäftsbereichsleiterin Markt

Der Wettbewerb auf dem Energiemarkt hat in den vergangenen Monaten wieder kräftig Fahrt aufgenommen. Neben vielen Discountern locken auch regionale Versorger mit extrem günstigen Preisen. Wie halten Sie dagegen?

Lisa Gehrig: Wir versorgen in der Region die meisten Haushalte mit Strom und Gas und stellen jederzeit sicher, dass ihr Zuhause hell und warm bleibt. Ganz gleich, ob jemand hierherzieht, aufgrund mangelnder Bonität seinen Energieversorger nicht frei wählen kann oder – wie in der Energiekrise geschehen – Anbieter die Lieferung mit Strom und Gas plötzlich einstellen. Unsere oberste Maxime sind faire und stabile Preise. Natürlich nutzen jetzt wieder einige, teilweise unseriöse, Anbieter die Chancen auf dem kurzfristigen Beschaffungsmarkt und gehen mit Dumpingangeboten auf Kundenfang. Selbst regionale Versorger locken mit extrem niedrigen Preisen. Oft lohnt sich dann ein genauerer Blick: Wer die Vertragsbedingungen näher prüft, findet häufig Klauseln, die die Rechnung am Ende wieder deutlich erhöhen können. Zum Beispiel Vertragslaufzeiten, die über die Preisgarantie hinausgehen oder nicht inkludierte Preisbestandteile. Wer nicht rechtzeitig kündigt, zahlt dann oft deutlich mehr. Niemand kann vorhersehen, wie sich der Beschaffungsmarkt in einem Jahr entwickelt. Kochen die Energiepreise dann wieder hoch, ist die Wiederholung einer Geschichte wie vor zwei Jahren wahrscheinlich – mit Insolvenzen, Lieferstopps und kräftig steigenden Preisen in den gewählten Verträgen. Unsere Preisgestaltung und Vertragsbedingungen sind dagegen stets fair und transparent, ohne versteckte Kosten. Wir pflegen nachhaltige Beziehungen zu unseren Kundinnen und Kunden, sind nicht auf kurzfristige Gewinne aus und gestalten die Energiewende vor Ort.

Warum kauft die Rheinhessische nicht einfach auch am kurzfristigen Beschaffungsmarkt ein?

Lisa Gehrig: Aufgrund unseres Versorgungsauftrags und um starke Schwankungen bei den Preisen für unsere Kundinnen und Kunden zu vermeiden, kaufen wir Energie möglichst risikoarm vorrangig am Terminmarkt. Dort schwanken die Preise meist deutlich weniger stark als am Spotmarkt. Außerdem beschaffen wir Strom und Gas in Teilmengen bis zu drei Jahre im Voraus. Damit zahlen unsere Kundinnen und Kunden einen Durchschnittspreis aus diesem Zeitraum. Das schützt sie vor starken Ausschlägen wie im Vorjahr, Preisänderungen auf dem Markt kommen deshalb immer erst zeitversetzt an. Positiv wie negativ. Aber natürlich nutzen wir auch die aktuell günstigeren Börsenpreise für die Beschaffung künftiger Bedarfsmengen – davon profitieren unsere Kundinnen und Kunden dann zum Lieferzeitpunkt. Anders als etwa Discounter kaufen wir aber nicht eine günstige Charge, entwickeln daraus ein Produkt für beispielsweise ein Jahr und können dann keinen Anschlussvertrag mehr bieten, weil am Markt zu diesem Zeitpunkt unter Umständen deutlich mehr zu zahlen ist.

Wie werden sich die Energiepreise denn Ihrer Einschätzung nach weiterentwickeln?

Martin Wunderlich: Auch wenn sich der Energiemarkt dieses Jahr deutlich beruhigt hat, liegen die Preise nach wie vor über denen aus der Vorkrisenzeit. Und daran wird sich voraussichtlich auch perspektivisch nichts mehr groß ändern. Leichte Schwankungen nach oben oder unten sind zwar wahrscheinlich, aber ein Rückgang auf das frühere Preisniveau schließen Branchenfachleute für die Zukunft aus. Allein deshalb, weil die Kosten für die Transformation der Energiewelt immens sein werden und etwa zu steigenden Netzentgelten führen. Das sieht man sehr deutlich beim Strom, wo sich bereits im kommenden Jahr die Netzentgelte kräftig um 11 Prozent erhöhen – auf 9,9 Cent je Kilowattstunde.

Und beim Gas schlagen der steigende CO2-Preis und die wieder höhere Mehrwertsteuer ab 2024 zu Buche.

Lisa Gehrig: Genau. Das ist auch der Grund, warum die Grundversorgung ab 2024 bei uns nicht unter 12 Cent je Kilowattstunde sinkt, also dem 2023 geltenden Gaspreisdeckel. Außerdem erhöht sich 2024 auch die Gasspeicherumlage, die die Politik voraussichtlich noch bis 1. April 2025 erhebt, um die Gasversorgung trotz ausbleibender Importe aus Russland zu sichern. Der CO2-Preis steigt sogar kräftig – von 30 Euro auf 40 Euro je Tonne – weil die Bundesregierung ihn im Jahr 2023 aufgrund der hohen Energiekosten eingefroren hatte. Faktisch brauchen wir das Instrument, um die Abkehr von fossilen Energieträgern zu schaffen. Denn die Einnahmen aus dem CO2-Preis fließen zurück in die Dekarbonisierung – etwa mit Förderungen für den Heizungstausch. Zudem steigt spätestens zum 1. April 2024 die während der Energiekrise abgesenkte Mehrwertsteuer für Gaslieferungen von 7 Prozent wieder auf 19 Prozent.

Martin Wunderlich: Außerdem kommt beim Gas noch ein weiterer Aspekt ins Spiel. Bei vielen Versorgern ändern sich die Bedingungen bei der Beschaffung. Die Vorlieferanten verlagern das Risiko für Temperaturschwankungen komplett auf die Energieversorger. Das bedeutet, dass wir in Zukunft möglichst exakte Wetterprognosen brauchen. Weicht unsere Annahme vom tatsächlichen Verbrauch ab, müssen wir den sogenannten Kälteausgleich teuer nachkaufen oder – wenn wir zu viel Gas beschafft haben – dieses zu eventuell schlechteren Konditionen am Spotmarkt verkaufen. Das wirkt sich unweigerlich auf die Preise aus. Nicht zuletzt ist absehbar, dass auch beim Gas die Netzentgelte steigen. Denn immer weniger Haushalte und Unternehmen werden wegen der Wärmewende Gas beziehen, das erhöht die Kosten für den einzelnen Anschluss.

Klingt nach vielen Änderungen. Bleibt die Tarifwelt denn so, wie wir sie kennen?

Lisa Gehrig: Grundsätzlich planen wir erst einmal keine großen Änderungen. Neben den beliebten Onlinetarifen bieten wir Produkte mit Preisgarantie und beim Strom außerdem die Extra Klasse zum Erfüllen von Wünschen. Beim Gas können wir aktuell aufgrund der unsicheren Situation ab Herbst kommenden Jahres nur noch eine Preisgarantie über zwölf Monate anbieten.

Martin Wunderlich: Mittelfristig zeichnet sich beim Strom eine neue Produktwelt ab. Denn spätestens ab 2025 müssen auch wir sogenannte dynamische Tarife für Haushaltsstrom anbieten. Der Preis orientiert sich dabei am Börsenpreis und kann zigmal am Tag steigen oder fallen. Dies bietet den Vorteil, direkter von sinkenden Preisen auf diesem kurzfristigen Markt zu profitieren und das Verbrauchsverhalten den Schwankungen anpassen zu können. Gleichzeitig steigt aber das Risiko für Haushalte, Strom zu hohen Börsenpreisen zu beziehen. Voraussetzung für dynamische Tarife sind intelligente Messeinrichtungen, die sogenannten Smart Meter. Aber auch durch die Wärmewende und die anstehende kommunale Wärmeplanung, bei der wir die Stadt bei der Umsetzung unterstützen, wird es sicherlich neue Produkte geben. Aber wie das Ganze in Zukunft genau aussieht, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen.

Welche Herausforderungen stehen bei der Rheinhessischen sonst noch auf der Agenda?

Martin Wunderlich: In den vergangenen anderthalb Jahren hat die Bewältigung der Energiekrise nahezu unsere gesamten Kapazitäten gebunden – vor allem beim Vertrieb. Jetzt lässt die Lage wieder mehr Gestaltungspielraum. Deshalb setzten wir unseren Fokus verstärkt darauf, unsere ökologischen Ziele weiterzuverfolgen. Sicher ist bereits, dass wir die Stromproduktion mit erneuerbaren Energien in der Region ausbauen – auf dem Kandrich wird es mindestens ein zusätzliches Windrad geben. Das ist in Vorbereitung. Auch in Ingelheim selbst suchen wir nach geeigneten Flächen, um Ökostrom mit Photovoltaik zu erzeugen. Bei der Stadt haben wir unser Interesse an geeigneten Flächen bereits bekundet. Mit der verstärkten Ökostromproduktion vor Ort möchten wir uns unabhängiger von Importen machen. Darüber hinaus verfolgen wir das Ziel, neue Effizienzpotenziale beim Umgang mit Energie zu heben – bei uns und bei unseren Kundinnen und Kunden.

Stichwort Wärmewende. Durch das Inkrafttreten der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes 2024 soll die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung neuen Schub erhalten. Welche Rolle wird die Rheinhessische dabei spielen?

Wir unterstützen die Stadt Ingelheim bei der sogenannten kommunalen Wärmeplanung. Sie zeigt den Pfad auf, wie die Region auch in der Wärmeversorgung bis 2045 klimaneutral wird. Dabei gilt es, Lösungen zu finden, damit Energie für die Menschen bezahlbar bleibt. Der kommunale Wärmeplan stellt dann dar, welche Wärmelösung in den einzelnen Straßen und Vierteln Ingelheims diesen Zielen entspricht. Sicher werden Wärmpumpen und Fernwärmenetze eine Rolle spielen – möglicherweise auch Wasserstoff. Bei all diesen Lösungen kommen gewaltige Investitionen auf die Rheinhessische zu. Schließlich müssen die Stromnetze an den steigenden Verbrauch durch Wärmepumpen angepasst, Fernwärmnetze neu aufgebaut und das Gasnetz wasserstofffähig gemacht werden.

Hat Wasserstoff denn für die Wärmeversorgung in der Region eine Chance?

Die Bundesregierung forciert den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur – auch in der Region ist eine große Leitung am Rhein entlang geplant. Das eröffnet zumindest die Chance, dass wir in Ingelheim auch Wasserstoff für die Wärmeversorgung nutzen könnten. Zu klären ist dabei aber noch die Bezahlbarkeit und ob die verfügbaren Liefermengen auch fürs Heizen und die Warmwasserbereitung reichen.

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