Mit der Aktion „Gemeinsam aufbäumen“ wird der Ingelheimer Stadtwald Schritt für Schritt fit für den Klimawandel gemacht. Revierförster Florian Diehl erklärt, weshalb Trockenheit die jungen Pflanzen besonders fordert, warum bei der Waldverjüngung vor allem heimische Baumarten eine Rolle spielen und wieso jeder Hektar Wald wertvoller ist als das Holz, das er liefert.
Der Wald ist wertvoller als sein Holz.
„Jeder Hektar Wald hat eine Gemeinwohlwirkung in Höhe von rund 30.000 Euro“, rechnet Revierförster Florian Diehl vom Ingelheimer Stadtwald vor. Nach einer Studie liefert ein Hektar – also eine Fläche von rund eineinhalb Fußballfeldern – sogar einen gesellschaftlichen Nutzen im Wert von rund 200.000 Euro. „Nur sieht das niemand“, sagt Diehl. In die Rechnung zahlen Faktoren wie Sauerstoffproduktion, Wasserspeicherung, Wasser- und Luftfilterung, Boden- und Erosionsschutz, CO2-Speicher, Erholungswert und vieles mehr ein. „Die Gesellschaft muss umdenken“, sagt Diehl, der kommendes Jahr in den wohlverdienten Ruhestand geht. „Wir müssen den Wert von Klimawäldern erkennen – nicht nur den Ertrag von Wirtschaftswäldern, in denen die Bäume möglichst schnell und möglichst gerade für die Nutzung im Sägewerk wachsen.“ Mischwälder mit heimischen Arten trotzen dem Klimawandel. Da haben laut Diehl sogar „knorzelige“ Bäume ihre Funktion. Für einen klimaresilienten Stadtwald setzt sich die Aktion „Gemeinsam aufbäumen“ der Rheinhessischen ein.
Gemeinsam aufbäumen.
Für jeden neuen Stromkunden oder jeden Tarifwechsel in ein Stromprodukt pflanzt die Rheinhessische einen Baum im Ingelheimer Stadtwald. Hier kann man mitmachen.
Schon über 4.200 Bäume „gespendet“.
Über 4.200 Bäume haben die Kundinnen und Kunden der Rheinhessischen bereits zur Verfügung gestellt. Die meisten davon haben Diehl und sein Team seit Beginn der Aktion im Jahr 2023 bereits gepflanzt. Auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Nach dem Einsetzen erleiden die 15 bis 30 Zentimeter hohen Setzlinge einen „Pflanzschock“. Das heißt: In den ersten Monaten sind sie besonders empfindlich. „Deshalb haben wir in dem heißen und trockenen Sommer 2025 etliche verloren“, sagt Diehl.
„Es ist nicht möglich, im Wald Wasser an die Bäume zu tragen. Man kann sich vorstellen, dass bei 30 Grad im Schatten zehn Liter nicht lange reichen würden. Das wäre – fast schon im Wortsinn – ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Florian Diehl, Förster im Ingelheimer Stadtwald
Wenn Bäume der Trockenheit zum Opfer fallen.
Für den Förster ist klar: Im Gegensatz zu Straßenbäumen lassen sich Waldpflanzungen nicht einfach künstlich bewässern. Der Aufwand wäre viel zu groß, denn selbst geringe Mengen Wasser summieren sich bei Tausenden Setzlingen schnell zu enormen Mengen. Und ein Baum benötigt bei großer Hitze durchaus bis zu zehn Liter pro Tag. Wenn dann auf trockenem Boden ein Unwetter niedergeht, sind auch diese Wassermassen kein Segen: „Die Kapillare, die Röhrchen in der Erde, die das Wasser speichern sollen, sind vertrocknet, nicht aufnahmefähig“, sagt Diehl. „Sobald dann 20 bis 30 Liter auf den Quadratmeter herunterprasseln, fließt das Wasser schnell ab – und nimmt im schlimmsten Fall noch Humus mit.“
Der Fehler wurde schon vor 100 Jahren gemacht.
Nicht nur Setzlinge, auch große Bäume leiden unter der Erderwärmung. Im Ingelheimer Stadtwald sind dies vor allem standortfremde Arten wie die Fichte. „Den Fehler haben unsere Vorfahren vor 100 oder 200 Jahren gemacht“, sagt Diehl. Fichten leiden heute unter Hitzestress und die geschwächten Bäume fallen oft dem Borkenkäfer zum Opfer. Damals wurden diese Bäume gepflanzt, um schnell einen hohen Ertrag in der Holzwirtschaft zu erzielen. Heute arbeitet der Förster daran, die Monokultur durch einen resilienten – sprich: widerstandsfähigen – Mischwald zu ersetzen. Gefragt sind heimische Bäume wie Traubeneiche, Buche, Ahorn, Linde oder Eberesche, die auf ihrem angestammten Standort mit Trockenheit und Klimawandel besser zurechtkommen.
„Wir müssen weg von rein wirtschaftlichen Aspekten hin zur Daseinsvorsorge. Der Wald ist ein Klimastabilisator und das muss die Gesellschaft anerkennen.“
Florian Diehl, Förster im Ingelheimer Stadtwald
Exotische Arten? „Den Fehler nicht widerholen.“
Pflanzzeit wird wieder im Herbst 2026 und im Frühjahr 2027 sein. Dann wollen Florian Diehl und sein Team die Bäumchen ersetzen, die den Hitzesommer 2025 und den Sommer 2026 nicht überstanden hatten – in der Hoffnung, dass so viele neue wie möglich lange überleben. Auf exotische Arten möchte er nicht ausweichen. „Wir dürfen den Fehler von vor 150 Jahren nicht wiederholen“, so Diehl. Denn Bäume, die in anderen Weltregionen die Trockenheit vielleicht besser überstehen, wären dennoch im Ingelheimer Stadtwald so fremd, wie es heute die Fichten sind – und damit möglicherweise anfällig für Risiken, die sich erst in 150 Jahren zeigen.
Investitionen in den Wald lohnen sich: für Klima und Menschen.
Diehls Botschaft ist klar: „Die Natur macht keine Fehler. Sie überlebt – der Stärkste setzt sich durch.“ Doch der Mensch sollte lernen, diese Prozesse zu unterstützen. „Wir müssen weg von rein wirtschaftlichen Aspekten hin zur Daseinsvorsorge. Der Wald ist ein Klimastabilisator und das muss die Gesellschaft anerkennen.“Die Investitionen in den Wald lohnen sich – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für alle Menschen. Das zeigen die Zahlen zur Gemeinwohlwirkung. „Wenn wir den Wald als das sehen, was er wirklich ist, dann werden wir auch bereit sein, ihn zu schützen“, sagt Förster Florian Diehl. Die Aktion „Gemeinsam aufbäumen“ der Rheinhessischen ist ein Teil davon.
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©Martin Leclaire LECLAIRE PHOTOGRAPHIE